12.10.2018  | 
Sozialarbeit an Schulen

Sucht: Auf den ersten Schluck verzichten

Wriezen (MOZ) Um das Thema Alkohol und Sucht dreht es sich in dieser Woche im KlarSicht-Projekt für Achtklässler im Wriezener Jugendhaus des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM). Nach den Evangelischen Johanniter-Schulen war jetzt die Salvador-Allende-Schule an der Reihe.
Unterricht einmal ganz anders. Zum Anfassen und Mitmachen und das außerhalb der Schule. Eine Gruppe fällt an diesem Donnerstag im CVJM-Jugendhaus aber aus dem Rahmen. Dass Mädchen und Jungen in dem Alter bereits erste Erfahrungen gesammelt haben, ist nicht ungewöhnlich. Aber hier wird offensichtlich übertrieben und sich gegenseitig hochgeputscht. Maxi Friedrich von der Fachstelle für Jugendsuchtberatung und Prävention der Diakonie scheint sie kaum zu erreichen. Die Ansicht, dass Partys ohne Alkohol keinen Spaß machen, mag gängige Auffassung sein. Aber dass ein Mädchen erklärt, dass es auf Alkohol steht? „Die anderen vier Gruppen waren offener, ehrlicher und ernsthafter“, schätzt dann auch Maxi Friedrich ein.

Mark Steiner, Leiter des CVJM-Jugendhauses, verweist wenig später darauf, dass es vor Jahren tatsächlich einmal ein krasses Problem mit Alkohol unter Schülern gegeben habe: „Da haben sich einige schon vor dem Unterricht Bier bei Edeka gekauft.“ Letztlich sei dies der Anstoß für das KlarSicht-Projekt gewesen. „Wir machen das inzwischen wohl schon seit zehn Jahren.“ Anfangs habe man das Thema Rauchen einbezogen, aber inzwischen sei es raus. Heute würden insgesamt wieder deutlich weniger Jugendliche rauchen, bestätigt auch die Klassenlehrerin.

Zudem habe man das Gemeinschaftsprojekt von den siebten in die achten Klassen geschoben. Es ist das Schuljahr, in dem Jugendliche meist konfirmiert werden oder Jugendweihe haben. Laut Micha, einem trockenen Alkoholiker aus der Eichendorfer Mühle, ist dies spätestens der erste Anlass, Alkohol zu trinken: „Früh bist du noch ein Kind und nach der Feierstunde ein Erwachsener. Darauf muss doch mit Sekt angestoßen werden.“ Und wenn der nicht schmeckt? „Dann lässt du das Glas nach dem ersten Schluck stehen oder bittest von vornherein um ein Glas Orangensaft“, meint Schulsozialarbeiterin Dagmar Bergmann in der Gesprächsrunde. Micha ist vom Alkohol sichtlich gezeichnet und scheint die Jugendlichen zu erreichen. „Ich habe gelernt, dass es einfacher ist, auf den ersten Schluck zu verzichten“, sagt er. Ob es schwer war, vom Alkohol wegzukommen? „Ja“, gibt er zu und fragt zurück, wie es denn wäre, wenn die jungen Leute zwei Jahre ohne Handy auskommen müssten. War er richtig sturzbesoffen? „Ja, jeden Tag. Das war ein Teufelskreis. Es geht nur noch um die Flasche, das ganze Leben.“ Irgendwann mache das auch die Familie kaputt. Darf er Alkohol trinken? „Ein Verbot gibt es nicht. Ich möchte nicht trinken. Das ist der feine Unterschied.“

In einem anderen Raum steht die Werbung im Mittelpunkt. Die Schüler sollen einen eigenen Spot mit dem Handy drehen. Ob sich Wodka nun mit W oder V schreibt, will eines der Mädchen wissen. Aber Rechtschreibung ist an diesem Tag egal. „Und neue Produkte haben mitunter ja die verrücktesten Namen“, meint Mark Steiner. Später wird er mit den Jugendlichen alkoholfreie Cocktails mixen.

Derweil wird Polizistin Manuela Wieder von einigen fröhlich begrüßt. Sie war zum Thema Gewalt bereits an der Grundschule zu Gast, spricht mit siebten Klassen auch über Sucht und Cybermobbing. Beim Flaschendrehen werden Karten mit Fragen wie „Was kann ich tun, um nach der Party sicher nach Hause zu kommen?“ aufgenommen und gemeinsam nach Antworten gesucht. Was Alkohol für Folgen in der Schwangerschaft das Ungeborene hat? Da wissen Mädchen wie Jungen Bescheid. Keiner scheut sich vor einer Antwort. Die Karte ergänzt nur eines: Auch in der Stillzeit sollte auf Alkohol verzichtet werden.

Artikel von: MOZ, Annett Zimmermann
Fotos: Annett Zimmermann
Link zum Original: https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1685856/ 

Aktualisiert durch: Marcel Schröder