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CVJM Magazin: CVJM Deutschland 30 Jahre Wiedervereinigung

Das bedeutet auch 30 Jahre CVJM-Arbeit in Ostdeutschland. Ein Interview

 

Seit 30 Jahren gibt es in den ostdeutschen Bundesländern wieder CVJMOrtsvereine und CVJM-Landesverbände. Zum 30. Geburtstag wollen wir in dieser Ausgabe des CVJM Magazins die CVJM-Arbeit in Ostdeutschland zum Thema machen und fragen, welches Gesicht CVJM-Arbeit nach 30 Jahren in Ostdeutschland hat. Die 44-jährige Dorit Roth, Leiterin der Jugend- und Familienarbeit im CVJM Leipzig, und der 27-jährige Marcel Schröder, Vorstandsmitglied und Beauftragter für Öffentlichkeitsarbeit im CVJM Oderbruch, berichten über ihre Sicht der Dinge.

 

Dorit, du bist seit 21 Jahren hauptamtlich im CVJM Leipzig tätig. Wie hat sich dein Blick auf CVJM in dieser Zeit verändert?

 

Dorit: Ich bin nach meiner Ausbildung am CVJM-Kolleg in Kassel 1999 nach Leipzig in den CVJM gekommen und habe so die ersten knapp zehn »wilden« Jahre verpasst. Aber die kenne ich aus ganz vielen Erzählungen. Die evangelische Jugendarbeit gab es vor der Wende, und die hat auch danach funktioniert. Aber die ganze staatlich organisierte Jugendarbeit und die Jugendhäuser sind eigentlich über Nacht weg gewesen. Die Leute, die CVJM dann wiedergegründet haben, fragten: Wo braucht es uns? Wo braucht es CVJM?

 

Wo braucht es uns? Wo braucht es CVJM?

 

Das waren dann vor allem Felder der offenen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, die ein hohes Maß an Professionalität erfordern und die in Leipzig und an vielen anderen Stellen im Osten vor allem durch hauptamtliches Personal abgedeckt werden mussten.

 

Lieber Marcel, du überblickst mit deinen 27 Jahren diesen Zeitraum natürlich nicht komplett. Aber kannst du das aus Sicht eines ländlich geprägten CVJM im Oderbruch bestätigen?

 

Marcel: Es gab nicht viel, so dass sich Jugendliche zunächst in kirchlichen Räumen zusammengeschlossen haben. 1990 ist die Idee entstanden, einen CVJM zu gründen. In mehrjähriger Bauzeit haben Jugendliche mit Erwachsenen zusammen das ehemalige Stadtgefängnis restauriert. 1990 ist das erste Jugendhaus des CVJM entstanden. Auch hier gab es die Frage: Wo braucht es uns? 2001 entstand die Idee eines mobilen Jugendzentrums: Der »Blaue Bus« ist ein 18,5m langer Gelenkbus, umgebaut zum Jugendhaus. 2006 kam der Bürgermeister von Wriezen auf den Verein zu, weil man für das »Jugendhaus Alcatraz« einen neuen Träger gesucht hat. Wunschpartner war der CVJM, weil dieser sich bewährt hat. Durch diese Arbeitsfelder kam es ebenfalls zu einer hauptamtlichen Prägung der Arbeit.

 

Dorit, welche Chancen siehst du in der verhältnismäßig jungen CVJM-Struktur im Osten?

 

Dorit: Ich glaube schon, dass der Mut zum Ausprobieren ein bisschen größer ist. Viele Dinge hat man noch nie probiert und die sind deshalb auch noch nicht schief gegangen. Es gibt ja so verminte Arbeitsfelder. Da wurde etwas erfolglos ausprobiert und dann sagt man: »Das hat nicht funktioniert, das geht nicht, das machen wir nie wieder.« Bei uns passiert das weniger.

 

Marcel, welche Herausforderungen siehst du für diese junge Struktur im Osten Deutschlands?

 

Marcel: 1990 war die FDJ (Freie Deutsche Jugend: die einzige staatlich anerkannte und geförderte Jugendorganisation in der DDR) komplett weg, so wie die ganzen Jugendstrukturen aus der DDR. Und plötzlich kam der CVJM mit diesem riesengroßen C im Namen: christlicher Verein. Da gibt es in der Bevölkerung auch nach 30 Jahren teilweise noch Skepsis. Unsere aktuelle Herausforderung ist zum Beispiel, wie man christliche Werte in der Schulsozialarbeit prägen kann. Über die Zeit hinweg hat sich der CVJM mit seinen niedrigschwelligen Angeboten bewährt und wird für neue Arbeitsfelder angefragt. Das macht deutlich, welches Vertrauen in uns gesetzt wird. Aber es gibt immer noch Menschen, die sagen: »Das ist ein christlicher Verein, wir wollen den nicht.«

 

Für ein gelungenes Zusammenwachsen ist Begegnung ein wichtiger Schlüssel.

 

Wie erlebt ihr das Verhältnis von Ost und West und die oft diskutierte Benachteiligung der östlichen Bundesländer gegenüber den westlichen?

 

Dorit: Innerhalb des CVJM erlebe ich das überhaupt nicht. Wenn wir auf eine Tagung fahren, dann sortiert man das nicht mehr so ein. Unser Kollegium im CVJM Leipzig ist sehr gemischt, da müsste ich länger überlegen, wer jetzt wo seine Wurzeln hat. Für ein gelungenes Zusammenwachsen ist Begegnung ein wichtiger Schlüssel.

 

Marcel: Ich bin seit 2006 im CVJM Oderbruch tätig. Ich nehme das in unserem Verein auch nicht wahr. Viele unserer hauptamtlich Mitarbeitenden kamen und kommen aus Süddeutschland, da gibt es schon allein auf dieser Ebene eine Vielfalt. Unser Ziel ist, innerhalb der Kinderund Jugendarbeit günstige Angebote zu schaffen, und auch mal eine Sommerfreizeit anzubieten. Das sind Angebote, bei denen Kinder und Jugendliche über ihren Tellerrand blicken können.

 

Was ist euer Wunsch für die nächsten 30 Jahre im CVJM Leipzig und im CVJM Oderbruch?

 

Dorit: Ich wünsche mir auf jeden Fall, dass der CVJM hier vor Ort weiter mutig bleibt. Ich wünsche mir, dass er es sich nicht gemütlich macht, sondern sich immer wieder traut zu fragen:

 

»Wo werden wir gebraucht? Was ist unsere Aufgabe?« Und ich wünsche mir auch, dass die internationale Dimension des CVJM noch mehr Raum gewinnt. Diese Weite fasziniert mich am CVJM und da wünsche ich mir, dass wir diesen Schatz der internationalen Gemeinschaft noch mehr entdecken.

 

Marcel: Ich wünsche mir für meinen Verein, natürlich auch für das CVJMOstwerk und auch für alle anderen Vereine, weiterhin viel Mut und Kraft, auch immer wieder Neues zu wagen. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin junge Menschen einladen, Jesus kennenzulernen. Ich wünsche uns, dass wir nicht dort stehen bleiben, wo wir gerade sind und uns ausruhen. Stehen bleiben ist immer Stillstand. Ich wünsche mir, dass wir Traditionen aufbrechen, auf die jungen Menschen zugehen, und nach ihren Bedürfnissen fragen und ihnen immer eine offene Tür anbieten.

 

Ich wünsche mir, dass wir Traditionen aufbrechen, auf die jungen Menschen zugehen, und nach ihren Bedürfnissen fragen und ihnen immer eine offene Tür anbieten.

 

Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin Gottes Segen für eure Arbeit im CVJM.

 

Carsten Korinth Referent Jugendpolitik und Grundsatzfragen

 

CVJM-Magazin 01/2021, Seite 22-23

Link zum Artikel: https://www.cvjm-ostwerk.de/resources/ecics_165.pdf