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CVJM Magazin: Arbeiten unter der Kuppel

CVJMer Marcel Schröder (28) ist Sachbearbeiter für eine Bundestagsabgeordnete der Grünen. Über junge Leute in der Politik, das Wahlrecht ab 16 und das grüne »Du«

 

Dieser Moment sei »einfach unbeschreiblich« gewesen. Als Marcel Schröder im Herbst 2013 die Sicherheitskontrolle am Reichstag passiert, zeigt er seinen blauen Ausweis für Mitarbeitende vor. »Es war eine Ehre, dort hineinzudürfen – zum ersten Mal als jemand, der dort arbeitet«, erinnert sich Marcel. Mit 20 Jahren zieht er aus dem ländlichen Oderbruch am östlichen Rand Brandenburgs in die Hauptstadt, um eine Ausbildung als Fachangestellter für Bürokommunikation bei der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zub beginnen. »Unter der Kuppel zu arbeiten«, also im Bundestag, davon hatte er schon zu Schulzeiten geträumt. Seine Lieblingsfächer: Geschichte und Politik. »Ich weiß, dass viele Schüler und Schülerinnen das langweilig finden. Aber ich wollte schon damals dorthin, wo Gesetze beschlossen werden.«

 

Ob die Realität seinen Erwartungen entsprach? Marcel lacht: »Man stellt es sich so vor: Wer im Bundestag arbeitet, der kommt mit vielen Abgeordneten in Kontakt. Aber das war gar nicht der Fall.« Als Verwaltungsangestellter könne man also in dem Sinne keinen politischen Einfluss nehmen. Berührungspunkte mit Politikern aus der eigenen Fraktion habe es aber bei Konferenzen und Zusammenkünften gegeben. Obwohl sich die Grünen untereinander duzen, fragte sich Marcel anfangs, wie er die Politikerinnen und Politiker ansprechen solle. »Dann sagst du zur Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt: ‚Hi Katrin, ich habe ein Namensklebchen für dich, damit dich jeder erkennt.‘ Was ja eigentlich total komisch ist, weil jede und jeder sie sowieso kennt.«

 

Seit Juni 2018 arbeitet Marcel für die grüne Bundestagsabgeordnete. Er sei »eine Art Sekretär«, organisiere ihr Büro. Dazu gehört es, die IT zu verwalten, die Buchhaltung zu machen, den Kalender zu pflegen sowie Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern zu beantworten als auch das Plenum zu beobachten und Abstimmungen im Blick zu behalten. Vor der Arbeit der Bundestagsabgeordneten hat er großen Respekt. Die müssten viel Kritik aushalten und hätten lange Arbeitszeiten. Gerade im Wahlkampf sehe er, wie voll der Kalender seiner Chefin sei.

 

Vor ein paar Jahren plauderte Marcel mit Annalena Baerbock. Damals war sie noch eine der jüngsten Abgeordneten überhaupt. Dass sie als junge Frau und Mutter Kanzlerkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl 2021 geworden ist, findet er stark. Es gebe kaum junge Menschen in der großen Politik, sagt Marcel. Nur einige wenige Bundestagsabgeordnete seien unter 40 Jahren. »Viele Leute, ich auch, haben das Gefühl, dass Politik eher für ältere Menschen gemacht wird. Deswegen finde ich es wichtig, dass junge Menschen wählen gehen. Nur wer seine Stimme abgibt, beteiligt sich an der Demokratie und kann die aktuelle Politik verändern.«

 

Ob Jugendliche ab 16 Jahren bereits die Chance erhalten sollten, wählen zu dürfen? Marcel ist dafür: »Wenn junge Menschen ihre Stimme abgeben dürfen, beschäftigten sie sich eher mit Politik, informieren sich und streiten mit. Wieso sollte ein 16-jähriger Schulabgänger, der eine Ausbildung beginnt, nicht wählen? Auch wenn er per Gesetz als minderjährig gilt, steht er dennoch voll im Leben und muss Verantwortung übernehmen.«

 

Die Bundestagswahl im September sieht Marcel persönlich mit gemischten Gefühlen: Kurz nachdem sich der neu gewählte Bundestag im Herbst konstituiert, läuft sein Vertrag aus. Die Verträge von Mitarbeitenden sind auf eine Wahlperiode begrenzt. Marcel würde gern weiter unter der Kuppel arbeiten. »Für mich ist es ein Dienen. Da sehe ich auch einen Bezug zu meinen christlichen Werten. Ich würde für alle demokratischen Abgeordneten arbeiten, am liebsten weiterhin für meine Abgeordnete. Nur für die AFD niemals – egal wie hoch das Gehalt wäre.«

 

Sabrina Becker

CVJM Magazin 04/2021
Link zum Heft: https://www.cvjm-ostwerk.de/resources/ecics_226.pdf